700 Teilnehmer bei Anti-Atom-Demo in Lingen

Foto: ©Albrecht Dennemann

Rund 700 Demonstranten fordern bei überregionaler Anti-Atomkraft-Demonstration in Lingen: „Atomkraft jetzt den Saft abdrehen – Uranfabriken schließen! Brennstoffexporte stoppen!“ Die Anzahl mag gering erscheinen, ist für den Standort Lingen hingegen schon bemerkenswert. Über 100 Organisationen hatten aufgerufen und die Teilnehmerfeld setzte sich überregional zusammen. Sogar aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Russland waren Atomkraftgegner angereist.

Lingen. Mit einer überregionalen Demonstration am Atomstandort Lingen haben rund 700 Menschen am Sonnabend ein, aus Sicht der Organisatoren deutliches Zeichen für die Notwendigkeit eines umfassenden und sofortigen Atomausstiegs gesetzt. Die Demonstration stand unter dem Motto: „Atomkraftwerken den Saft abdrehen! Brennstoffversorgung aus Lingen und Gronau stoppen!“ Von der Bundesregierung sowie den Landesregierungen in Niedersachsen und NRW forderten die beteiligten Initiativen und Verbände unter anderem die sofortige Stilllegung der niedersächsischen Atomkraftwerke Lingen und Grohnde, sowie der Brennelementefabrik in Lingen (Niedersachsen) und der Urananreicherungsanlage in Gronau (NRW). Bei der Demonstration in Lingen kamen neben Rednerinnen und Rednern aus den Regionen Grafschaft Bentheim, Emsland, Münsterland und Wendland auch Mitglieder von Anti-Atomkraft- Organisationen aus Belgien und Frankreich zu Wort, die vom Brennelemente-Export aus Lingen besonders stark betroffen sind. Den weitesten Weg hatte ein Kundgebungsredner aus Russland.

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Schüttorfer Volxküche – Christina Burchert Foto: Dennemann

Mit den kürzesten Anreiseweg hatten die Teilnehmer aus der Grafschaft – Bentheimer, Schüttorfer und auch Nordhorner beteiligten sich. In Gesprächen machten die Grafschafter deutlich, wie sehr gerade die Grafschaft von atomaren Anlagen „umzingelt“ sei. „Man fühlt sich wie das gallische Dorf – nur heißen die „Lager“ nicht „Kleinbonum“, „Aquarium“, „Babaorum“, „Laudanum“ , sondern Ahaus, Gronau, Almelo, Coevorden und Lingen“, so ein Schüttorfer. Die Transporte führen via Straße und Bahn auch durch die Grafschaft. „Wenn die Atomenergie sicher wäre, gäbe es eine Versicherung für Atomkraftwerke – die gibt es aber nicht, sondern der Bund haftet. Also ist den Versicherungen das Risiko zu groß und folglich ist Atomkraft eine Risiko-Angelegenheit“, begründete ein Bentheimer seine Haltung zur Atomenergie. Die Schüttorferin Christina Burchert vom Arbeitskreis Umwelt (AKU) hatte die mit Kaffee, Tee, Kuchen und Schnittchen bestückte Voersorgungsstation „Volxküche Schüttorf“ auf dem Lingener Marktplatz organisiert.
Mit der Demonstration in Lingen hat die Anti-Atomkraft-Bewegung die internationale Bedeutung der Atomstandorte Lingen und Gronau, die beide nur rund 40 Kilometer voneinander entfernt sind, in den öffentlichen Fokus gerückt. Verknüpft würden beide Standorte durch Atomtransporte. Die Urananreicherungsanlage in Gronau gehört zum Urenco-Konzern und produziert angereichertes Uran, das international in Brennelementefabriken und Atomkraftwerken zum Einsatz kommt. In der Lingener Brennelementefabrik des französischen Atomkonzerns Areva werden Brennelemente für belgische und französische – von den Gegnern als „Schrottreaktoren“ klassifizierte – Atom-Anlagen  hergestellt. Gefährdung ergibt sich hingegen aber auch auf anderen Wegen: Seit dem ein pakistanischer Mitarbeiter der Urenco in Almelo vor einigen Jahren Anlagen-Pläne hat „mitgehen“ lassen, verfügt auch Pakistan über ein Atomprogramm, was sicherlich nicht zur Verbesserung der Sicherheitslage – auch weltweit – beiträgt.

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Im Aufruf zur Teilnahme an der Demonstration hieß es: „Während die verbleibenden acht deutschen Atomkraftwerke bis Ende 2022 abgeschaltet werden sollen, bleibt die nukleare Infrastruktur unangetastet. Sowohl die Brennelementefabrik in Lingen (Niedersachsen) als auch die Urananreicherungsanlage in Gronau (NRW), verfügen weiterhin über eine unbefristete Betriebsgenehmigung. Beide Uranfabriken versorgen Atommeiler in aller Welt mit Brennstoff, so auch die besonders maroden Meiler Tihange, Doel, Fessenheim und Cattenom.“
Die Anti-Atomkraft-Bewegung drängt darauf, die Ausfuhr nuklearer Brennstoffe von Gronau und Lingen an die maroden AKW in Belgien und Frankreich sofort zu unterbinden und machte dies in Lingen erneut deutlich. Dieser Exportstopp ist – laut einem Gutachten der IPPNW – rechtssicher möglich. Die Anti-Atomkraft-Bewegung fordert zudem, dass die Uranfabriken in Lingen und Gronau in den Atomausstieg einbezogen und sofort stillgelegt werden. Die Forderung nach Stilllegung der beiden Anlagen wird seit diesem Jahr auch von den Umweltministerinnen und Umweltministern aller Bundesländer erhoben.
Reaktorkatastrophe in Lingen, Doel oder Fessenheim hätte verheerende Konsequenzen
Der „Trägerkreis Lingen-Demonstration 29.10.2016“, der die Demonstration organisiert hat, ist darüber erfreut, dass am Sonnabend besorgte Menschen aus Lingen und Umgebung gemeinsam mit Menschen aus anderen Regionen auf die Straße gegangen sind. „Die Gefahren, die von den Atomanlagen in Lingen und anderswo ausgehen, sind nicht auf einen Ort beschränkt. Eine Reaktorkatastrophe in Lingen, Doel oder Fessenheim hätte in weiten Teilen Europas verheerende Konsequenzen. Dies verdeutlicht laut Trägerkreis auch das in den letzten Tagen veröffentlichte Gutachten zu den möglichen Folgen eines Super- GAUs im belgischen AKW Tihange. Radioaktivität kennt keine Grenzen – und der inter- nationale Widerstand gegen die Atomindustrie und das Engagement für erneuerbare Energien und nachhaltige Arbeitsplätze auch nicht“, heißt es von Seiten der Demo-Organisatoren.

Umfassende Informationen zur Anti-Atomkraft-Demonstration in Lingen finden sich unter www.lingen-demo.de

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