Interview: „Die Region lässt sich von Urenco und RWE kaufen“

Gedenken an 30 Jahre Tschernobyl in Lingen Foto: ©Susanna Austrup
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Christina Burchert aus Schüttorf leistet Widerstand. Schon als Schülerin hat sie deutlich Position bezogen und mit 13 Jahren ein Grundsatzreferat gegen Atomkraft gehalten. Gebürtig stammt die 54-Jährige aus Gevelsberg. „Ich war schon immer politisch interessiert“, sagt sie. Seit elf Jahren lebt die Krankenschwester mit ihrem Mann in Schüttorf, wo sie vor zwei Jahren den Arbeitskreis Umwelt (AKU) Schüttorf gegründet hat und ist schockiert darüber, wie gleichgültig die Menschen in der Grafschaft die Atomgefahren vor ihrer Haustür lässt. Die unkritische Haltung gegenüber Sponsoring habe dazu beigetragen, findet sie. „Viele halten bei Urenco und RWE die Hand auf, um Sponsorengelder für ihre Wunschprojekte zu kassieren. Mit dem Geld werden Veranstaltungen wie das Jazzfest in Gronau, Kulturangebote in Lingen und in Bad Bentheim beispielsweise das Stonerock Festival (in diesem Jahr aber nicht mehr – Anm. der Red), Aktionen der Bürgerstiftung und zuletzt eine Streuobstwiese finanziert. In der Tagespresse wird dann darüber berichtet, was zum positiven Image der Konzerne beiträgt“, kritisiert Burchert. Die Region sei gekauft. Die Folge: Stillschweigen und Tatenlosigkeit

BliXXm: Wer und was steckt hinter dem Arbeitskreis Umwelt (AKU) Schüttorf?

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Foto:©Susanna Austrup

Der AKU Schüttorf, ist bislang ein „Eine-Frau-Projekt“. Ich mache dort alles alleine und habe daraus noch die Arbeitsgruppe VolxKüche Schüttorf ins Leben gerufen. Entstanden ist die Idee zur Gründung des AKU Schüttorf am 12. Februar 2014 auf der Infoveranstaltung der Grünen in Schüttorf zum Thema „Grafschaft Bentheim – Transitgebiet für Atomtransporte“. Ich habe mich ja schon lange vorher in diesem Bereich engagiert, aber war doch erschrocken, wie wenig sich die Menschen hier in der Region mit den zahlreichen Atomanlagen um sie herum befassen. Umso erfreulicher war, dass zu der Informationsveranstaltung in Schüttorf rund fünfzig Menschen kamen. So viele Bürger erreichen wir in Münster, Gronau, Ahaus oder Lingen sonst nicht mit einer Infoveranstaltung. Aber welchen Nutzen hat eine Infoveranstaltung, wenn hinterher alle nach Hause gehen und es passiert nichts weiter? So entstand also der AKU Schüttorf, der Mitglied im Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen ist, um dem Ganzen etwas Nachhaltigkeit zu verleihen.

BliXXm: Was ist das Ziel von AKU und warum engagierst du dich dort?

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Foto:©Susanna Austrup

Schwerpunkt der Arbeit vom AKU Schüttorf ist es die Bürger und Bürgerinnen über die Atomanlagen in der Region zu informieren. Selbst Mitglieder der Grünen Partei haben teilweise gesagt, dass sie nicht wussten, wie viele Atomanlagen im Radius von zirka 30 Kilometern um uns herum liegen und, dass fast täglich Urantransporte durch das Transitgebiet der Grafschaft fahren. Wenn also politisch interessierte Menschen nicht ausreichend darüber informiert sind – weil sie sich schlichtweg nie damit auseinander gesetzt haben – wie sollen dann die Informationen an die Menschen in der Region herangetragen werden? Da ich nur „Zugezogene“ bin, habe ich hier in der Grafschaft nicht so gute Verbindungen. Also schreibe ich Leserbriefe, um auf das Thema aufmerksam zu machen, schreibe Politiker und Parteigliederungen an. Ich habe für den AKU Schüttorf eine Facebook-Seite – was ich eigentlich nie wollte – eröffnet, um so vielleicht auch junge Menschen zu erreichen. Ich trat aus der Grünen Partei aus und entschloss mich bewusst ausschließlich in Bürgerinitiativen mitzuarbeiten, denn zunächst einmal haben dort alle das gleiche Ziel: die Forderung nach Abschaltung sämtlicher Atomanlagen. Ansonsten beteilige ich mich mit dem AKU Schüttorf aktiv im Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen. Hier arbeiten wir „länderübergreifend“, nicht wie in der Landespolitik, wo es scheinbar unsichtbare Mauern zwischen den Bundesländern gibt. Wir befassen uns mit den Anlagen der Region, egal ob in Niedersachsen, Nordrhein Westfalen oder den Niederlanden. Ein besonderer Schwerpunkt in der Arbeit sind für mich persönlich die beiden Uran-Fabriken in Gronau und Lingen, die bewusst beim Atomausstieg vergessen worden sind. Durch intensive Bündnisarbeit und Recherchen konnte so beispielsweise aufgedeckt werden, dass die Schrott-Reaktoren Tihange, Doel, Fessenheim und Cattenom durch angereichertes Uran aus Gronau und Brennelemente aus Lingen am Laufen gehalten werden. Wir haben daraufhin einen offenen Brief an die entsprechenden Ministerien geschrieben, auf Antwort warten wir noch immer.

BliXXm: Du hast vor kurzem an einer Veranstaltung im Informationszentrum des Lingener Atomkraftwerks teilgenommen. Welche Erfahrungen hast du in Lingen gemacht?

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Foto:©Susanna Austrup

Vor kurzen waren wir in Lingen zu einer Informationsveranstaltung von RWE zum Rückbau des AKW I. Es war schon sehr auffällig, wie viele gut gekleidete RWE Mitarbeiter offensichtlich unter den rund 100 Zuhörern waren. Es nahmen kaum Frauen an der Veranstaltung teil, was auch sehr auffällig war. Geplant waren zwei Vorträge von RWE, anschließend hätte man draußen an verschiedenen Infoständen mit Mitarbeitern ins Gespräch kommen können. Wir unterliefen dieses Vorhaben jedoch, indem wir immer wieder Zwischenfragen stellten und es dann doch zumindest zu einer öffentlichen Diskussion kam. Statt der angekündigten Bürgerinformation, empfand ich die Veranstaltung sehr herablassend und arrogant, Fragen wurden teilweise belächelt und abgetan. Es hörte sich so an, als wollten sie eine Bonbon-Fabrik abbrechen und kein Atomkraftwerk. Nach dem Motto: Alles kein Problem. Fragen zur Finanzierung des Rückbaus mussten mehrfach gestellt werden – wer spricht schon gerne über Finanzen? Sehr interessant war die Äußerung, dass die Rücklagen der Energiekonzerne sicherlich reichen werden, wenn man nicht noch andere mögliche Endlagerstandorte wie Gorleben erforschen würde. RWE hätten auch gerne mehr Rücklagen geschaffen, aber das sei wegen dem Steuervorteil den ein Konzern durch Rücklagenbildung hätte, nicht zulässig gewesen. Mit der Kernenergie haben die Energiekonzerne sich eine goldene Nase verdient, aber jetzt wo es um Rückbau der Atomanlagen geht und die Finanzierung der Lagerung des von ihnen produzierten Mülls für eine Million Jahre, da stehlen sie sich aus der Verantwortung. Und so werden die Steuerzahler später einen Großteil der Kosten tragen müssen für einen der größten Fehler, den die Menschen jemals gemacht haben – die Energieerzeugung durch Atomenergie.

Fotos: ©Susanna Austrup

Zur weiteren Information empfiehlt Christina Burchert folgende Links:

https://www.facebook.com/AKU.Schuettorf/

http://www.bbu-online.de/

http://www.sofa-ms.de/home.html

http://www.atommuellreport.de/home.html

http://www.bi-luechow-dannenberg.de/

http://www.ag-schacht-konrad.de/

http://www.antiatomgruppe-osnabrueck.de/

 

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