[Kommentar] Runter vom Sofa

Foto: Susanna Austrup

Runter vom Sofa und Flagge zeigen – denn, nur wer seinen Arsch bewegt, kann auch etwas bewegen!

Lingen/Nordhorn/Schüttorf/Heek/Vizé. Mit Straßenprotesten ist das so eine Sache: Sie sind eine Form des Widerstandes, die den Schritt aus der Komfortzone erfordert und die Bereitschaft, auch mal einen Sonntag zu opfern. Das Projekt „Menschenkette Tihange“ war neulich, am 25. Juni, solch eine Herausforderung. Früh aufstehen und eine stundenlange Busfahrt, um sich anschließend die Beine in den Bauch zu stehen, statt auszuschlafen, gemütlich zu frühstücken und den Tag mit seligem Nichtstun zu verbringen. Anti-Atom-Initiativen aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland hatten die Protestaktion grenzübergreifend auf die Beine gestellt und bis zuletzt war ungewiss, ob genug Menschen zusammen kommen würden. Lohnt sich solch eine Fahrt ins Ungewisse? Ja, denn ohne – pardon – den eigenen Hintern zu bewegen, wird sich nichts ändern.

Foto: Susanna Austrup

Die Grünen aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim hatten mobilisiert und einen Bus gechartert, der über Lingen, Nordorn, Schüttorf und Heek nach Belgien fuhr. Insgesamt 40 Demonstranten stiegen ein und machten sich auf den Weg zu der Protestaktion nach Belgien. Warum? Weil die beiden Schrottreaktoren Tihange 2 und Doel 3 mit Kernbrennstoffen aus ihrer Region betrieben werden. Konkret: Die Firma ANF-Areva in Lingen ist der Lieferant. Seit mehr als 40 Jahren werden hier Brennelemente für Druckwasser- und Siedewasserreaktoren produziert. Was nebenbei auch passiert: Aus den Betrieben fließen Gelder, die die Stadt an der Ems zwischen AKW und Brennelementefabrik hübsch florieren lassen. Ziel der Protestfahrt war ein Streckenabschnitt in der Stadt Vizé, nicht weit von Maastricht. Die 90 Kilometer lange Menschenkette von Aachen nach Tihange sollte aufrütteln und die Bedrohung durch einen Super-Gau vor Augen führen. Seit mehreren Jahren ist bekannt, dass die Druckbehälter der Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 Tausende von Rissen aufweisen und nach über 40 Betriebsjahren häufen sich die Störfälle. Außerdem melden belgische Nachrichtenagenturen, dass die Lagerkapazitäten für den radioaktiven Müll zu kollabieren drohen. Und Atomkraftkritiker sagen, dass die Stromversorgung Belgiens auch ohne die beiden Reaktoren gesichert sei.

Am Albert-Kanal, wo die Dreiländer-Delegation aus dem Nordwesten Deutschlands Posten bezogen hatte, war in den 1970er Jahren der Bau von zwei Atommeilern geplant. Das Vorhaben konnte damals durch das Engagement von Bürgern der Wallonie und Südlimburg verhindert werden. Soviel zu dem bei jeder Gelegenheit herausposaunten Totschlagargument: „Da kann man sowieso nichts machen.“ Gegen 14.45 Uhr überbrachte ein belgischer Streckenposten die Nachricht, dass die Menschenkette inzwischen geschlossen sei. „Abschalten“, forderten die Demonstranten lautstark. 60.000 Menschen hätte man für die Aktion benötigt, doch mit Fantasie und überbrückenden „Protestbändern“, Pappmenschen und gesteckten Armen gelang der Lückenschluss auch mit den anwesenden 50.000 Demonstrant*innen. Christina Burchert vom Arbeitskreis Umwelt (AKU) Schüttorf war glücklich. Für war das ein toller Tag gewesen, mit „einer deutlichen Aussage der Menschen in drei Ländern, gegen den weiteren Betrieb der beiden belgischen AKW sowie sämtlicher Atomanlagen in Europa“. Dieser Tag hat eins gezeigt: Der innere Schweinehund muss nicht das letzte Wort behalten. Und: Bewegung tut gut, besonders, wenn sie politisch motiviert ist.

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