Naturschutzfläche von „besonderer Bedeutung“

Foto/Animation: © Danie Schulte-Wieking

Ungewöhnliche Dinge erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. So auch – mal wieder – in Schüttorf. Das hinsichtlich seiner Erhaltenswürdigkeit wohl umstrittenste historische Gebäude Schüttorfs, dürfte das ehemalige Ballenlager an der Ohner Straße sein. Der „plumpe“ Klotz aus rotem Backstein fand nach der Insolvenz der Firma Schlikker&Söhne bislang keine Liebhaber, die ihn zu neuem Leben erwecken wollten. Doch nun gibt es eine sehr überraschende Wendung.

von Rainer Harmsen

Prof. Dr. Viktor Laus-Stein bei der Präsentation seiner Funde Foto: ©Albrecht Dennemann

Schüttorf. Alt, groß, hässlich. Eigentlich Attribute, die Künstler, Architekten oder Designer hinter dem Ofen hervorlocken sollten, um hier gestalterisch ein Alleinstellungsmerkmal zu setzen. Völlig unerwartet ist nun Bewegung in die Sache gekommen. Angeregt durch ein Luftbild in den Grafschafter Nachrichten, ließ sich im letzten Herbst Botaniker Prof. Dr. Viktor Laus-Stein von der Uni Münster mit der Drehleiter der Schüttorfer Feuerwehr auf das Flachdach fahren, um die dortige, in den letzten Jahren von selbst entstandene Flora und Fauna zu begutachten und zu dokumentieren. Ergebnis: ein recht üppiger Birken- und Buschbewuchs inmitten einer durch Binsengras und Besenheide geprägten Landschaft. Dazu eine nicht erwartete Ansiedlung von streng geschützten Vogelarten, seltenen Insekten, Molchen und wirbellosem Getier. Und das Ganze über den Dächern Schüttorfs. In der letzten Woche wurde dieser einmalige Befund seitens der Unteren Naturschutzbehörde in Nordhorn als schützenswert eingestuft. Das Dach des Ballenlagers wird ab sofort als kleinräumiges Naturschutzgebiet ausgewiesen und unterliegt einer Veränderungssperre. „Das ist so einmalig, da konnten wir nicht anders handeln. Die gesetzlichen Vorgaben sind an dieser Stelle eindeutig“, argumentiert die Untere Naturschutzbehörde und setzt damit ein Zeichen, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Allerdings ist die historische Bausubstanz des Flachdaches durch die zunehmende Gewichtsauflastung der stetig wachsenden Bäume und Pflanzen akut gefährdet. Um das Einbrechen des Daches zu verhindern, werden schon in der Woche nach Ostern massive Eisenträger im Inneren des Ballenlagers eingebaut. „Wenn die Statik stimmt, können wir unten eine kleine Infobox einrichten“, bestätigte das Bauamt weitergehende Pläne auf Blixxm-Anfrage. Eine Webcam auf dem Dach soll installiert werden, um die rege Naturtätigkeit für die Öffentlichkeit erlebbar zu machen. Dies erforderte aber auch eine Absprache mit verschiedenen Ministerien in Hannover, da das Ballenlager im geplanten Sanierungsgebiet liegt. Die zuständigen Ministerialdirektoren hätten laut Stadtverwaltung Wohlwollen signalisiert. „Die Bewilligung der Fördergelder für das Sanierungsgebiet sei nicht gefährdet – im Gegenteil. Als weiteres Alleinstellungsmerkmal mit Leuchtturm-Charakter, steigere die Stadt Schüttorf dadurch die Bewilligungswahrscheinlichkeit der Fördergelder, zumal auch noch Mittel aus dem Naturschutzfonds des Landes und der Grafschafter Naturschutzstiftung eingeworben werden könnten“ hieß es. Die Pflege der Fläche übernimmt der NABU im Ehrenamt.
Hatte die Stadtverwaltung anfangs erwartet, dass sich Widerstand gegen das Projekt erhebt, wurden die Verantwortlichen eines Besseren belehrt. „Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal! Bald fragt keiner mehr nach „Lampenwald“ und „So-da-Brücken“ und mit dem Soziokulturellen Zentrum daneben bekommen wir einen touristischen Hotspot“, freute sich die Verwaltungsspitze im Schüttorfer Rathaus. Auch die Politik war sich ungewohnt einig darin das Projekt zu fördern. Der Verwaltungsausschuss der Stadt Schüttorf beschloss am Dienstag in nichtöffentlicher Sitzung – bei einer Enthaltung – das Naturschutzgebiet „Schlikkers Hochmoor“ zu benennen. Zur besseren Auffindbarkeit, sollen Wegweiser am Markt, Bahnhof, Vechtezentrum und Kirchschule errichtet werden. Zudem würde beantragt, sich in die grenzüberschreitende Hochmoor-Route einzugliedern, um weitere Touristen in die älteste Stadt der Grafschaft Bentheim zu locken – schließlich ist dies das bislang einzige innerstädtische Naturschutzgebiet dieser Art in Niedersachsen. Einzig der zweite stellvertretende Bürgermeister Friedbert Troll (Schüttorfer Liste), soll sich laut bislang unbestätigten Informationen, bei der Abstimmung enthalten haben. Naturfreund Troll sei zwar grundsätzlich diesem Naturschutzprojekt zugetan, stelle sich auf dem Areal hingegen eher eine Bebauung mit – durch Privatinvestoren zu finanzierenden – Mehrfamilienhäusern vor – Naturschutz hin, Naturschutz her.
Wie sich dieses Naturschutzgebiet nun mit dem geplanten Soziokulturellen Zentrum verträgt, müsse noch geklärt werden. Grundsätzlich wird jedoch nicht daran gedacht, von den bestehenden Plänen abzuweichen. Allerdings sei ja noch Zeit dies abzuwägen.

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