Preview Jahresrückblick: Anny Hartmanns bissiger Ritt durchs Jahr

Anny Hartmann Foto. © Albrecht Dennemann

Am Samstagabend präsentierte das Schüttorfer Komplex einen bissigen Kabarettabend mit der Kölnerin Anny Hartmann – ein vorgezogener Jahresrückblick  auf 2017, der es in sich hatte.

Schüttorf. Kleiner Fauxpas gleich zu Beginn des Kleinkunstabends: Ein oder mehrere Handys stören den „Eröffnungsrap“ der Kabarettkünstlerin. Sie aber reagiert professionell und baut die technische Störung gleich gekonnt in ihr Programm mit ein und sofort ist der Bann zwischen Publikum und der Vortragenden gebrochen. Los geht‘s: Es beginnt mit Zitaträtseln. Richtige Lösungen seitens der Zuhörer werden mit Schokolade belohnt. Das ist doch mal was, denn auch das schafft eine Nähe im Saal, die weit über den „kulinarischen Genuss“ hinaus geht.
Anny Hartmann erzählt, als käme sie gerade von nebenan. Nicht spektakulär aber flüssig – wenn auch nicht gleich von Anfang an – streift die zunehmend eloquente Kölnerin die brisanten Themen des Jahres. Sexuelle Übergriffe in der Neujahrsnacht ihrer Heimatstadt stehen chronologisch korrekt zu Beginn ihrer Ausführungen. Aber da gibt’s ja auch noch die mißglückte Kanzlerkandidatur dieses Bürgermeisters aus Würselen…

Anny Hartmann Foto. © Albrecht Dennemann

TTIP, ja klar da war auch was! Lutter-Jahr, oder Loddar (Matthäus) – Jahr, oder was? Und dann Erdogan. Lachen mag an dieser Stelle niemand. Hartmann changiert waghalsig zwischen simplen Humor und beinharter kabarettistischer Polemik. Damit hält sie ihr Publikum auf Trab. Man hört aber auch deshalb gern zu, weil sie immer wieder Dialekte bemüht. Der Tonfall allerdings bleibt konstant, stimmlich sind ihr hier letztlich doch Grenzen gesetzt.
Dann der Bundeswehrskandal: „Was macht die von der Leyen in der Kaserne? Nach den Rechten sehen…“ Oder die Deutsche Leitkultur… Deutsche Leidkultur? Thomas de Maizere: „Wir sind nicht Burka.“ Wer braucht hier eigentlich einen Sprachtest… Das Leben und die Politik sind kurios, das ist der Pool aus dem diese Kabarettistin ihre Inspiration schöpft.
Aber jetzt ist erst einmal Pause, Kneipenkultur in der Teestube des Schüttorfer Kulturzentrums. Auch das ist schön und die zahlreichen Besucher genießen es in „vollen Zügen“.
Nach der Pause: G 20-Krawalle in Hamburg, Entzug der Akkredetierungen von unbescholtenen Journalisten… Das zurückliegende Jahr hält weiterhin genug Stoff bereit, um in sarkastisch – satirischer Weise darauf reagieren zu können. Staatlich legitimiertes Smartphone-Abhören… der Staatstrojaner wird aufgrund möglicher Terrorabwehr akzeptiert. Aber: Zu viele Verkehrstote in Deutschland… ein notwendiges Tempolimit bleibt jedoch aus. Zweierlei Maß in der Folge politisch und wirtschaftlich verflochtener Machtstrukturen… ? Nicht alles, was Anny Hartmann berichtet, strapaziert die Lachmuskeln. Aber das muss ja auch nicht. Auch die Hirnwindungen durften an diesem Abend gern auf Touren kommen.

Anny Hartmann Foto. © Albrecht Dennemann

Aber dann wieder: „Fragt ein erfolgreicher Geschäftsmann auf dem Sterbebett den Pfarrer: Warum darf ich eigentlich mein Gold nicht mit rübernehmen? Antwort des Pfarrers: Weil‘s schmelzen würde…“
Voller Saal, unterhaltsam-sympathische Anny Hartmann auf schön ausgeleuchteter Bühne, verdienter Applaus! Wieder einmal ein gelungener Abend im Schüttorfer Komplex. Wie schön, dass die ehrenamtlich tätige Veranstaltungs-AG erneut derart kulturelle Highlights in die zunehmend dunkler werdende Jahreszeit hineinkatapultiert. Und es bleibt zu hoffen, dass sich alle in Schüttorf Verantwortlichen – Politik, Verwaltung und Kulturzentrumsinteressierte – zu einer konstruktiven Lösung für den Fortbestand einer solchen Einrichtung zusammenraufen werden.

Verfasst von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.