„Schlager lügen nicht“: Mitsingen, Feiern und Ironie

Premiere "Schlager luegen nicht" Foto: ©Dennemann
Premiere "Schlager luegen nicht" Foto: ©Dennemann

Mit dem musicalartigen Abendstück „Schlager lügen nicht“ ist der Bad Bentheimer Freilichtbühne etwas gelungen, was Kritiker im Vorfeld nicht für möglich gehalten haben: Mitreißende Dynamik, viel Vergnügen auf gutem Niveau und dabei nicht allzu plattes Boulevard-Theater. Mit Blumen auf die Bühne stürmende Zuschauer während der Aufführung, Mitsingen, stehender Applaus und dem Wunsch nach Zugaben, zeigten die Zuschauer ihre Begeisterung bei der Premiere am Samstagabend ganz deutlich. Kurz: Es lohnt sich.

Premiere "Schlager luegen nicht" Foto: ©Dennemann
Premiere „Schlager luegen nicht“ Foto: ©Dennemann

Bad Bentheim. Songtexte wie „Der Junge mit der Mundharmonika singt von dem was einst geschah, in silbernen Träumen von der Barke mit der gläsernen Fracht,  die in sternenklarer Nacht deiner Einsamkeit entflieht“, sollte man nicht so ernst nehmen und nicht unbedingt hinterfragen, welche Drogen der Texter genommen hat. Aber man konnte am Sonnabend sich diesen Blödsinn genüsslich auf der Zunge zergehen lassen und  sogar enthemmt mitsingen. Erstaunlich wie sehr sich viele der Schlagertexte der 1970er Jahre im kollektive Bewusstsein festgesetzt haben. Zu jedem präsentierten Lied sang das Publikum mit – unglaublich. Nur schwer konnte man sich dieser Massendynamik entziehen. Hinter all diesen Schlagern verblasste die Geschichte, die allerdings auch nur als Projektionsfläche für diese rückwärts gewandte musikalische Glückseligkeit diente. Thomas Schiffmann hatte den Text dazu geschrieben und Gudrun H. Lelek führte Regie. Etwas, was nur hinter den Kulissen wahrgenommen wird, ist die Probenarbeit. Allein die Choreografie und der Chorgesang sind beachtlich. Winfried Kwiotek hatte mit dem zu jedem Song die Show-Treppe herabsteigenden Chor, die Lieder eingeübt. Die Show-Treppe und der Show-Master, ein absolute MUSS in jeder größeren TV-Show der Zeit. Das große Ensemble brachte Dominique Schölling in gleichmäßige passende Bewegungsabläufe. Top.
An diese fast sinnbefreite Unterhaltung hatten die 68er sicherlich nicht gedacht, als sie auf die Straße gingen. Bunt, schrill und vergleichsweise seicht kommen Musik und Text der Songs daher. Und mittendrin findet sich die Familie Spengler wieder. Mutter Maria (Heike Weßling), Vater Richard (Birger Schüler), Tochter Doro (Ulrike Sperling) und deren Freund Jürgen (Hauke Scheffel). Um Irrungen, Wirrungen und natürlich Schlager und entsprechende TV-Shows dreht sich die Story. Mit schönen kleinen Details, wie einer alten TV-Kamera, die das Bild auf den Fernseher im Wohnzimmer der Spenglers überträgt, punktete das Stück bei den scharfen Beobachtern. Auf und Ab und das Herzensleid der Schlagergrößen durchlebt die Familie am Fernsehen mit und gerät im zweiten Teil mitten in das Geschehen. Die Leistung der singenden Darsteller ist besonders hervorzuheben: Schlagersängerin Ulla (Anne Aalderink/ Zweitbesetzung Ann-Kathrin Förster), ihr Partner Björn (Andreas Roling), Schlagerstar Dieter Kern (Nils Winkelmann / Matthias Marquart), aber auch Axel Siegwart als  Peter Helmut Brock, Eva-Maria Schevel als Journalistin und Frank Wargers als Fotograf meisterten ihre Aufgaben mit Bravour. Sicherlich, immer wieder war auch das der Freilichtbühne so typische Sprechverhalten zu hören, aber in abgemilderter Form. Dass das Showbiz, seine Auswüchse und vor allem auch diese Schlager nicht ganz so ernst zu nehmen sind, lässt das Ensemble deutlich werden – glücklicherweise.  Viele, sehr viele weitere Namen weist die Besetzungsliste aus und macht deutlich, welch Aufwand hinter solch einer Show steckt – beachtlich.
Sollte das Wetter bei den Aufführungen stimmen, so hat „Schlager lügen nicht“ eine gute Chance ein Erfolg für die Freilichtbühne zu werden. Trotz des Amüsements bleibt durchaus der Wunsch nach qualitativ guten und weniger boulevardartigen Stücken. Dass die Darsteller und auch Regisseurin Lelek durchaus in der Lage sind besondere Leistungen abzurufen, wurde mit dieser Inszenierung bewiesen. Nur Mut!

Weitere Aufführungs-Termine:
Besetzung Schlager 228.05.2016 | 20:30
04.06.2016 | 20:30
11.06.2016 | 20:30
18.06.2016 | 20:30
25.06.2016 | 20:30
26.06.2016 | 15:00
23.07.2016 | 20:30
30.07.2016 | 20:30
06.08.2016 | 20:30
13.08.2016 | 20:30
19.08.2016 | 20:30
20.08.2016 | 20:30

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