Schüttorf Calling: Punk-Rock-Gratwanderung?

4Promille im Komplex Foto: ALbrecht Dennemann

Am vergangenen Freitag, den 9. März 2018 stieg unter dem Motto „Schüttorf Calling“ ein Konzert mit den drei Punk-Rock-Bands „W15“, „Emscherkurve 77“ und „4 Promille“ im Komplex in Schüttorf. Zwar von den Toten Hosen gepusht (Emscherkurve 77 und 4 Promille), ließ doch die Vergangenheit einzelner Musiker aufhorchen.

Gereon Doeders von „W15“ im Interview mit Andreas Bethke Foto: Albrecht Dennemann

Schüttorf. „W15“ (We Fuffzehn), ein Trio aus Essen und Wuppertal, waren als Opener gesetzt. Jan (Schlagzeug), Björn (Bass) und Gereon (Gitarre & Vocals) hatten es nicht einfach. Den Auftakt zu einem Konzert gestalten zu müssen ist eine in der Regel undankbare Aufgabe. Gereon dazu im Interview mit Blixxm: „Wir drei machen schon lange Musik. Wir waren auch schon mal weiter. W15 ist ein neues Projekt und da freuen wir uns mit anderen Bands spielen zu können. Etwas bleibt ja immer beim Publikum hängen, darum machen wir das gerne“. Das Trio spielt straigten Punk mit klaren Hooks und deutschen und englischen Texten. Das aktuelle Album ist „Kein Schritt zurück“ betitelt und beinhaltet Track wie „Stay Away“ und „Frei wie der Wind“ (Soulfood/Razorblade). „Essen hatte ich satt, darum bin ich nach Wuppertal gezogen“, ergänzte Gereon noch (das Interview kann man am Freitag ab 19 Uhr in der Sendung GAS auf der Ems-Vechte-Welle hören).
Die, laut Rainer Bluhm als Veranstalter, 150 Besucher bewegten sich nun zu Emscherkurve77 vor die Bühne. Die Band wurde 2000 in Oberhausen gegründet und trat beispielsweise im Vorprogramm der Broilers auf. Stefan Spiller, der Sänger von Emscherkurve 77, war vorher bei „Voll die Guten“ aus Oberhausen, einer rechtsextremen Skinhead Band der zweiten Generation (1). Mitte der achtziger Jahre war er Kreisverbandsvorsitzender der FAP in Delmenhorst (2). Die FAP war eine rechtsextreme Partei, die als seinerzeit größte militant-neonazistische Organisation in Deutschland galt und 1995 durch das Bundesministerium des Innern verboten wurde (3).

4Promille im Komplex Foto: Albrecht Dennemann

Die letzte Band am Abend waren 4 Promille. „Punkrock aus Düsseldorf“ titeln sie auf ihrer Webseite. Bis 1997 war 4 Promille ein Solo-Projekt von Sänger und Gitarrist Volker Grüner, der unter dem Bandnamen zwischen 1995 und 1997 drei CD-Veröffentlichungen im Eigenvertrieb herausbrachte. Zuvor spielte er in der Rechtsrock-Band „Störkraft„. 2007 löste sich die Band auf und formierte sich 2012 neu. Allerdings ohne Volker Grüner, der sich voll und ganz auf seine neue Band konzentrieren wollte. Zu dem Konzert war ein großer Teil des Publikums aus NRW angereist. Durch den Abend zogen sich Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Besuchern. „Nur kleine Rangeleien“, laut dem Veranstalter. Trotzdem wurde ein Rettungswagen gerufen um die Platzwunden eines Mannes, der gegen die Heizung gestürzt sei, behandeln zu lassen.

(1) Christian Dornbusch, Jan Raabe (Hrsg.): RechtsRock. Bestandsaufnahmen und Gegenstrategien. Unrast Verlag Münster, ISBN 3-89771-808-1
(2) Skinhead-Rock in Deutschland, Christian Menhorn, ISBN print: 978-3-7890-7563-6, ISBN online: 978-3-8452-5867-6
(3) Thomas Grumke, Bernd Wagner (Hrsg.): Handbuch Rechtsradikalismus. Personen – Organisationen – Netzwerke. Leske und Budrich, Opladen, ISBN 3-8100-3399-5

 

Emscherkurve 77 im Komplex Foto: Albrecht Dennemann

[Kommentar] von Albrecht Dennemann
Selbstverständlich ist jedem ein Sinneswandel zuzugestehen. Auch Musikern, die dereinst eher im rechten Lager ihre Gagen einsammelten. Und da könnte fast auch die größte Entschuldigung liegen: Der schnöde Mammon. Oder ist es nur ein Erklärung? Quasi „geadelt“ durch die „Toten Hosen“, als dem eher linken Lager zugehörig, mag man die Metamorphose akzeptieren. Doch, es bleibt ein Magengrimmen und solch ein Konzert eine Punk-Rock-Gratwanderung. Denn die sich selbst als „Oi-Band“ bezeichnende Truppe „4 Promille“, zieht doch immer noch Fans einer spezielleren Klientel an. Deutlich war beim Pogo eine geladenere Atmosphäre zu spüren, wie sie bei anderen, deutlich und politisch überzeugenderen linkeren, oder  neutraleren Bands nicht der Fall ist.  Gerne möchte man den Sinneswandel und die Abkehr vom sehr rechten Rand solchen Musikern glauben. Hinsichtlich der Fans gelingt dies möglicherweise nur eingeschränkter und Konzerte mit solchen Bands sind mit großer Sensibilität zu betrachten.

[GALERIE]

 

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2 Comments

  • Bullshit !!! Also wenn man sich 30 Jahre her entschieden hat Vegetarier zu werden, ist man heute noch immer ein Fleischesser ?! Und ein Ex-Junky der schon 20 Jahre clean ist, ist noch immer ein Junky, oder ? Genau so wenn jemand der Jahre her aus der rechtsradikalen Szene ausgestiegen ist, soll dieser das heute noch zu hören bekommen, dass der noch immer rechtsradikal ist. Wenn nur einer Person die Atmosphäre angespannt findet, bedeutet das nicht, dass jeder der da war das auch so empfunden hat. Traurig, dass ein Reporter einfach die Meinung / das Stimmungsbild einer oder einiger weniger Personen publiziert und damit einer Institution und/oder sogar die falsche Person als Veranstalter persönlich in ein falsches Licht rückt.

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