ÜBELTÄTER STADTBAUM

Der Streit ist alt, doch keimt er jedes Jahr wieder auf. Der Tatvorwurf: Der Baum an meiner Straße, an meinem Grundstück bedroht mein Hab und Gut und wird zur Gefahr für den fahrenden, gehenden oder stehenden Verkehr. Er muss weg! Jetzt ist der Tag, an dem die Säge sägen muss.

Das ist die anklagende Seite des Streits. Die Verteidiger möchten am liebsten jeden Baum erhalten und sogar noch mehr davon in unseren Städten wissen. Stellt sich bei diesen klaren Frontlinien die Frage, gibt es eine Lösung, die beiden Seiten gerecht wird? Kann man schlichten oder wird einer dran glauben müssen?

Zunächst soll der Angeklagte selbst zu Worte kommen.

Ich bin ein Baum, ich kann nicht anders.
Ich bin für viele ein Sinnbild für Natur. Zähl ich doch zu den größten Lebewesen auf unserem Planeten. Ich stehe meist einfach nur so rum. Leiste dafür aber umso mehr. Das globale, aber auch lokale Ökosystem wäre ohne meine Leistungen gar nicht denkbar:

1. Ich bin ein zuverlässiger Sauerstofflieferant. Schon ab einer Höhe eines Einfamilienhauses produziere ich fast 10.000 Liter Sauerstoff am Tag.
2. Ich binde durch die Photosynthese Kohlendioxid und verlangsame dadurch den Klimawandel.
3. Ich arbeite hart. Jahr für Jahr filter ich dauerhaft ca. 100 kg Staub und Kleinstpartikel aus der Luft.
4. Ich bin Lebensraum und Nahrungsquelle für Millionen von Lebewesen.Vom kleinsten Insekt, über Vögel bis hin zu großen Raubtieren.
5. Nicht genug, ich bin auch die beste Klimaanlage der Welt. Ich allein verdunste täglich bis zu 500 Liter Wasser und erreiche damit eine Kühlleistung von bis zu 15 Klimaanlagen.
6. Ich bin ein effektiver Schutz vor Wind, denn ich bremse Windgeschwindigkeiten bis zu 85 Prozent herunter.
7. Zusammen mit anderen Bäumen bilde ich den Wald. Und der ist eine nicht zu vernachlässigende Heilquelle. Denn dort produzieren wir massenhaft Phytozyden, und die stärken bei einem Waldspaziergang das Immunsystem des Menschen.

Es gibt also viele Gründe, die für den Baum sprechen. Gerade auch in der Stadt. Aber sind sie völlig unschuldig?

Angeklagt: Übertäter Baum
Der Baum ist ein Lebewesen, das nur ein Gesetz akzeptiert: die Natur. Er hält sich nicht an Vorschriften oder Verordnungen. Er sucht und findet die Ressourcen, die er zum Leben braucht, und nimmt sie sich einfach. Ohne Rücksicht auf die Errungenschaften und Vorlieben des Menschen. Er wirft unkontrolliert Äste und Zweige ab. Zu Beginn der kalten Jahreszeit lässt er Blätter und Nadeln einfach so fallen. Wohin ist ihm piepegal. Seine Wurzeln beanspruchen allen Platz, den sie für die Nahrungsaufnahme brauchen, ohne Rücksicht auf Mauern, Pflasterungen oder Asphaltdecken zu nehmen. Die werden einfach beiseite oder nach oben gedrängt. Und er ist stur und bleibt standhaft. Selbst wenn ein Auto mit hoher Geschwindigkeit auf ihn prallt, gibt er nicht nach oder geht gar zur Seite. Nix da. Autos sind ihm scheißegal. Nur manchmal, wenn andere Kräfte der Natur stärker sind, beugt er sich, bis er abbricht, knickt oder umfällt.

Bäume haben in der Stadt nichts zu suchen
Der Baum verursacht Schäden in Millionenhöhe – und ist noch nicht einmal haftbar dafür zu machen.Doch das ist nicht allein der Grund, warum der Baum manchem Menschen gehörig auf den Sack geht. Besonders in der Stadt. Er macht jede Menge Arbeit, sich zum Dank dafür breit und sowieso nur das, was er will. Er hält sich nicht an den ihm zugewiesenen Platz. Im Gegenteil. Er lässt seiner Natur freien Lauf. Er stört dabei die Sicht und nimmt das Licht. Damit nicht genug. Wenn es ihm in den Kram passt, setzt er seine Wurzeln als unaufhaltsame zerstörerische Waffe gegen die teuer bezahlten Errungenschaften öffentlicher und privater Bauherren ein. Kurzum: Der Baum hat in der Stadt nichts zu suchen. Zumindest nicht in meiner Straße, erst recht nicht an meinem Grundstück. Er ist in der Stadt nur dann zu ertragen, wenn seine Größe nicht die eines Bonsai überschreitet und sein Bodenbedarf nicht höher als der einer Zimmerpflanze ist. Und die sind doch auch schön grün. Für den ungehörigen Baum gibt es nur eines: die Höchststrafe mit Axt und Säge

Kettensäge oder Koexistenz?
Der verständliche Unmut über des Treiben des Baums darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns gegenseitig brauchen. Denn um die Vorteile des Baumes, ohne die ein Leben in der Stadt auf Dauer nicht mehr lebenswert wäre, technisch oder auch biologisch auszugleichen, müssten wir ein Vielfaches an finanziellen Mitteln aufwenden, als für die Reparatur der durch ihn verursachten Schäden. Von den irreparablen Schäden an unserer Gesundheit ganz zu schweigen. Dabei ist er meistens nicht von allein dort gewachsen, wo er heute eine Gefahrenquelle bilden soll. Oft haben wir ihm diesen Platz einfach zugewiesen. Ohne zu bedenken, dass er sich an eine Platzbeschränkung nicht halten kann und wird. „Das ist nun mal seine Natur. Er kann halt l(i)eben nur, und sonst gar nichts.“ Um einen Vers aus einem bekannten deutschen Schlagen zu zitieren.

Aber sind Menschen nicht die besseren, weil überlegenen Lebewesen, denen sich andere unterzuordnen haben? Und haben wir nicht die stärkeren Argumente? Welche Chance hat ein Baum schon gegen eine Kettensäge? Kurzfristig gesehen sind wir im Vorteil. Auf längere Sicht hingegen ziehen wir doch den Kürzeren. Der Baum kennt ein Leben ohne den Menschen. Wir Menschen jedoch haben noch nie ohne einen Baum gelebt. Und an den Stellen, wo wir ganz ohne ihn leben müssen, haben wir es mit Bedingungen zu tun, wo ein Großteil von uns nicht überleben würde.

Zurück zu den Wurzeln
Natürlich ist es nicht hinzunehmen, dass der Baum Häuser nachhaltig schädigt oder Wege und Straßen zu Gefahrenquellen macht. Aber eine Stadt ohne Baum geht auch nicht. Was also tun? Den Störenfried abholzen und einen neuen pflanzen. In der Hoffnung, dass der Kleine nicht soviel Unheil anrichtet. Das wäre natürlich eine Möglichkeit. Doch wer oder was gleicht den Verlust der Leistung eines großen Baums in dieser Zeit aus? Oder können wir darauf vorübergehend getrost verzichten? Stehen wir in 20 bis 30 Jahren wieder vor den selben Problemen? Wenn der Kleine sich zum Großen entwickelt hat.

Vielleicht müssen wir radikaler denken, um zu einer gerechten Entscheidung zu kommen? Sollten wir nicht in Zukunft in jedem Stadtviertel, in jeder Straße für jeden überbauten Quadratmeter einen gewissen Teil der Flächen für Bäume, Sträucher und Hecken reservieren? Und müssen diese Flächen sich unbedingt nur am Straßenrand befinden? Vielleicht geht es auch anders? Wo nicht genügten Platz für Straßenbäume ist oder geschaffen werden kann, lassen wir jedes 4. oder 5. Grundstück unbebaut oder es wird zurückgebaut und mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt, um so kraftvolle grüne Inseln zu schaffen. Dafür könnten die anderen Grundstücke etwas kleiner und die Straßen und Blumenrabatte vielleicht etwas schmaler werden. Dann wäre eine gute Nachbarschaft auch mit großen heimischen Bäumen wieder möglich. Als intelligente Lebensform haben wir dem Baum zumindest eines voraus: Wir können nachgeben und Kompromisse schließen. Der Baum kann das nicht.

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