„Vom Schweineflüsterer gelernt“

Foto: Albrecht Dennemann

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil informierte sich am Mittwochnachmittag auf dem Hof Bodenkamp in Samern über ein neuartiges Offenstall-Konzept für Schweine. Im Spannungsfeld zwischen Tierwohl, Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit  hatte das Landwirtsehepaar Dr. Katja Bodenkamp und Dr. Jens van Bebber einen bestehenden Schweine-Maststall umgebaut. Nicht nur die Landespolitik, sondern vor allem die Fachwelt zeigt inzwischen reges Interesse an Umbau und Konzept des Stalles.

Dr. Jens van Bebber Foto: Albrecht Dennemann
Dr. Jens van Bebber
Foto: Albrecht Dennemann

Samern. „Es ist sicherlich keine Lösung für alle Landwirte. Wir möchten mit unserem Beispiel zeigen, dass es Alternativen gibt. Alternativen sowohl in der Tierhaltung als auch für den Verbraucher, sich bewusst anders zu entscheiden und somit dem Tier wieder seinen notwendigen Wert zurückzugeben“, betonte Landwirt Dr. Jens van Bebber am Ende seiner einleitenden Rede, bevor es in den Stall ging. Mit dem neuen Stallkonzept wird für den Hof Bodenkamp ein neuer Weg beschritten. Aus der ökologischen Landwirtschaft kennt man Offenstall-Syteme, aber auch konventionelle Tierhalter haben sich mit dieser Thematik beschäftigt. Bodenkamps bauten einen für 1800 Schweine genehmigten Stall mit dänischer Aufstallung so um, dass nun 1000 Tiere darin Platz finden. Sind vom Gesetz 0,75 Quadratmeter pro Schwein als Mindestfläche vorgesehen, werden jetzt nach dem Bau 1,5 Quadratmeter geboten. Bei 2,5 Umtrieben pro Jahr können in dem Stall 2500 Tiere pro Jahr bis zur Schlachtreife gemästet werden. Ein weiterer Stallumbau in gleicher Größenordnung ist in Arbeit.

vlnr. Prof. Dr. Blaha, Uwe Bartels, Stephan weil und Dr. van Bebber Foto: Albrecht Dennemann
vlnr. Prof. Dr. Blaha, Uwe Bartels, Stephan Weil und Dr. van Bebber Foto: Dennemann

Was ist nun „neu“, dass sich Ministerpräsident Weil nach Samern aufmacht, um sich den Stall anzusehen?

Neu ist zunächst der Ansatz, nicht allein einen Stall tiergerechter zu gestalten, sondern auch die gesamte Wertschöpfungskette von der Rassewahl, über Ferkelproduktion, Mast, Schlachtung, Zerlegung, Verarbeitung, bis hin zur Ladentheke mit einzubeziehen. „Ohne eine gute Vermarktung hätten wir den Umbau nicht angefangen – hätten wir auch nicht können“, unterstrich Dr. van Bebber gegenüber Blixxm. Herauskommen sollte ein besonders schmackhaftes Fleisch, für das die Tiere wirklich artgerecht gehalten werden, sodass Qualitätsansprüche von Verbrauchern, aber auch als Qualitätszusatznutzen das Tierwohl bedient wird – was nicht zuletzt höhere Verkaufserlöse verspricht. Beraten ließen sich die Landwirte bei der Wahl der Rasse, aber auch bei der Ausgestaltung des Stalles von dem Niederländer Dr. Kees Scheepens, den den Ruf als „Schweineflüsterer“ genießt. Robust sollte die Rasse sein und ein gutes Fleisch liefern. Die Wahl fiel nicht auf eine Rasse, sondern auf eine Kreuzungs-Hybride aus Deutscher Landrasse (DL) und Berkshire-Schwein. Unter dem Label „Duke of Berkshire“ (DOB) werden die Schweine und deren Fleisch vermarktet. Die DOB-Ferkel werden in einer ganzjährigen Freilandhaltung von Johannes Erchinger in Leer in Ostfriesland aufgezogen. Im Natursprung und nicht wie inzwischen üblich mit künstlicher Besamung, werden auf dem Betrieb Erchinger DL-Sauen von einem Berkshire-Eber gedeckt. Mit rund 30 Kilogramm Lebendgewicht „ziehen sie dann um“ nach Samern.

Der Stall

Foto: Albrecht Dennemann
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Dr. Scheepens riet Dr. van Bebber den Kotbereich für die Schweine in den Randbereich zur Außenwand zu legen und mit einer Schräge zu versehen. Schweine verrichten laut Dr. Scheepens ihr „Geschäft“ vorzugsweise an etwas höheren und im Kühlen gelegenen Stellen. Die Schräge führt zudem dazu, dass sich Urin und Kot nicht vermischen. Der Urin läuft in den Güllekeller, der durch einen Spaltenboden abgedeckt ist. Der Kot wird abgeschoben. Durch die Trennung von Kot und Urin wird zudem die Bildung von Ammoniak vermieden, was hinsichtlich der entstehenden Immissionen von Vorteil ist. Am Spaltenboden sind Tränkebecken für die Wasserversorgung der Schweine angebracht. An den Spaltenbodenbereich schließt sich der Futterbereich an. Gefüttert wird auf dem Boden, wobei aber nicht auf eine Automatisierung verzichtet werden muss. An der Decke angebrachte Futterkästen werden über eine Kettenfütterung befüllt und dann auf den Boden entleert. „Das Schwein ist es gewohnt vom Boden zu fressen – das ist das natürliche Verhalten und wird mit dieser Fütterung bedient“, so Dr. Kees Scheepens gegenüber Blixxm. An diesen Bereich schließt sich der Ruhe und Stroh-Bereich an. Stroh, aber auch Heulage werden den Tieren zur Verfügung gestellt. Ein absenkbarer Deckel schafft ein wärmeren Bereich, in dem sich die Tiere zum Schlafen legen können. Die Buchtenabtrennungen sind aus Gründen des Mikro-Klimas aus Holz. Holz nimmt Feuchtigkeit auf und gibt diese auch wieder ab. „Wir haben vom Schweineflüsterer Dr. Scheepens gelernt“, so Dr. van Bebber bei der Führung. Am Ruhebereich liegt ein Mittelgang, über den Stroh und Heulage gefüttert werden können. Auf der anderen Seite befinden sich ebenfalls „gespiegelt“ Buchten mit gleicher Aufteilung der Funktionsbereiche.

Foto: Albrecht Dennemann
Foto: Albrecht Dennemann

Laut Dr. van Bebber ließe sich das Wohlbefinden der Tiere schon allein an der nahezu 100-prozentigen Ringelschwanzquote ablesen. In der konventionellen Haltung werden den Ferkeln die Schwänze kupiert, sodass es zu keinem Verbiss kommen kann. Durch die Funktionsbereiche und das größere Platzangebot im Stall, brauchen Bodenkamps diesen Verbiss nicht zu fürchten. Das 70 Prozent der Tiere mit intaktem Ringelschwanz die Mast verlassen, gilt in der Branche als anzunehmender Durchschnittswert – nahezu 100 Prozent, wie bei Bodenkamp wurde bislang ausgeschlossen.

Foto: Albrecht Dennemann
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Für den Umbau wurden die Außenwände  entfernt und auch die Zwischendecke herausgenommen. Die offenen Außenwände können bei Bedarf durch hochziebare „Jalousien“ gegen Zugluft geschützt werden. Ein Lüftung ist folglich nicht notwendig und somit auch keine Filteranlage. In dem zuvor geschlossenen Stall wurden laut Dr. van Bebber jährlich 100.000 Kilowattstunden Strom allein für die Lüftung benötigt.  Ursprünglich hatten Bodenkamps vorgesehen auch ein neues Dach zu errichten, um das Luftvolumen im Stall zu vergrößern. Dafür hätte es jedoch keine Genehmigung gegeben. Es durfte sogar an der gesamten Statik nichts verändert werden.
Nach rund 120 Tagen Mastdauer – was etwas länger ist als in der konventionellen Mast – werden die Tiere im spezialisierten Schlachtbetrieb Brand in Lohne geschlachtet. Unternehmer Paul Brand und der Bakumer Veterinär Professor Dr. Thomas Blaha zählen zu den Initiatoren dieses Konzeptes. Zerlegt werden die Schlachtkörper dann bei Kasteel-Fleisch in Mönchengladbach bevor sie über das Groß-Handelsunternehmen Handelshof (Köln) an die Ladentheken und die Gastronomie gelangen.

Schwierigkeiten beim Umbau

Foto: Albrecht Dennemann
Foto: Albrecht Dennemann

Für einen Neubau des Stalles in dieser Form wäre keine Baugenehmigung erteilt worden. Lediglich ein konventioneller Stall mit entsprechender Filtertechnik für die Abluft wäre genehmigungsfähig gewesen. Die Nähe zum  Flora-Fauna-Habitat-Waldgebiet (FFH) Samerott erschwert eine immisionschutzrechtliche Genehmigung durch die TA-Luft (Technische Anleitung Luft).  Ob nun Immissionen in nennenswerte Höhe an diesem neuen Stall entstehen, ist noch nicht geklärt. Zunächst fehlt die entsprechende Messtechnik. „Da gibt es leider noch keine belastbaren Werte und es besteht somit noch Forschungsbedarf“, so Dr. van Bebber.
Rund drei Jahre hatte es von den ersten Planungen bis dass die ersten Schweine in den Stall einzogen gedauert. In verschiedenen Arbeitskreisen engagierte sich Jens van Bebber. So war auch der ehemalige Niedersächsische Landwirtschaftsminister Uwe Bartels am Mittwoch in Samern dabei. Bartesl sitz dem Agrar-ErnährungsForum Oldenburger Münsterland vor. Eigens wurde für die Entwicklung und ministerielle Begleitung ein Arbeitskreis mit Vertretern der niedersächsischen Staatskanzlei, des Landwirtschafts-, Umwelt- und Sozialministeriums gegründet. Weitere Verbände und Interessenvertetungen sind ebenfalls beteiligt.

Stimmen der Gäste

Foto: Albrecht Dennemann
Foto: Albrecht Dennemann

Bei der an die Besichtigung des Stalles anschließenden Verkostung von Bratwurst und Fleisch des „Duke of Berkshire“, bot sich für die Gäste Gelegenheit zum Austausch. Geladen waren Projektpartner wie Schlachtereien, Zerleger und Vermarkter, sowie auch Stalleinrichter die das Projekt gefördert hatten. Aber auch Landrat Friedrich Kethorn und Dr. Kiehl vom Landkreis als zuständige Genehmigungsbehörde. „Wir werden noch einen starken Strukturwandel, auch in der Grafschaft erleben“, sagte Kethorn voraus, sah aber den von Bodenkamp eingeschlagenen Weg als einen möglichen, um dem Wandel zu begegnen. Ministerpräsident Weil setzt stark auf den interministeriellen Arbeitskreis, um Lösungswege für das landwirtschaftliche Bauen in Niedersachsen zu finden. „Politisch möchte ich, dass solche Projekte möglich werden. Das ist ganz tolles Fleisch“, lobte Weil, ließ sich bei der politischen Zielsicht wohl von seinem Gaumen leiten und holte sich noch einen Nachschlag.

[Kommentar] 

Bert Mutsaers Foto: Albrecht Dennemann
Bert Mutsaers Foto: Albrecht Dennemann

„Ceteris Paribus“ – unter sonst gleichen Bedingungen betrachten Wissenschaftler Auswirkungen einzelner vorgenommener Veränderungen. Das sich dieses Konzept als Standard in der Schweinemast etablieren könnte, kann unter sonst gleichbleibenden Bedingungen nicht angenommen werden. Zu hoch die Kosten, die sich wie bei Bodenkamp etabliert, nur durch eine entsprechende Vermarktung einspielen lassen. Ändert sich jedoch das Käuferverhalten weiterhin in Richtung Qualität und Tierwohl, besteht die Chance, dass  dieses und vergleichbare Stallkonzepte Nachahmer finden könnten. Gemeinsam mit Bert Mutsaers – geschäftsführender Gesellschafter der Bedford Wurst- und Schinkenmanufaktur – wurde von van Bebber und anderen in diesem Frühjahr der Verein „Offenstall gegründet. Mutsaers schätze gegenüber Blixxm das Marktpotenzial für derartige Fleischqualitäten auf 20 bis 30 Prozent ein – da wäre also noch Luft. Unterstützung vom Bauernverband erhielt Dr. van Bebber nicht und auch Berufskollegen sehen das Projekt skeptisch. „Wenn das Standard wird, dann wird es für uns alles teuerer“, war auch schon von örtlichen Landwirten zu hören. Geringerer Viehbesatz hat nicht zwangsläufig etwas mit geringeren Einnahmen zu tun – dafür könnte das Projekt bei Bodenkamp stehen. Ein Umdenken in der Landwirtschaft ist notwendig und auch beim Bauernverband. Durch die praktizierte, vermeintlich zum Schutz der Bauern betriebene Verhinderungstaktik des Verbands wird nicht beschützt, sondern ein Anpassen an Marktveränderungen verhindert und dem Strukturwandel Vorschub geleistet. Zurzeit ist die Tierhaltung derart in der Kritik und damit in den Medien, dass man dies auch langfristig nicht als vorübergehend betrachten kann. Das in Hannover der innerministerielle Arbeitskreis besteht, ist ein Zeichen dafür, das man dort schon einen Tick weiter denkt.

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