“Einfach großartig” – Stolpersteine in Schüttorf

Karolien Magnus und Peter Löhnberg Foto: © Albrecht Dennemann

Als letzte der Grafschafter Kommunen hat Schüttorf nun auch “Stolpersteine” bekommen, die an die ehemaligen, geflüchteten, deportierten und/oder ermordeten jüdischen Mitbürger erinnern. 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnern seit gestern vor dem “Firlefanz”, der Buchhandlung Moldwurf und in der Jürgenstraße Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig an die ehemaligen Bewohner der Häuser. Weitere Stolpersteine sollen im September kommenden Jahres gesetzt werden.

Gunter Demnig verlegt Solpersteine in Schüttorf Foto: © Albrecht Dennemann

Schüttorf. Was war das eine schwere Geburt: Das Gedenken an den Schüttorfer reformierten Pastor Friedrich Middendorff wurde vergleichsweise früh eingeleitet mit der Benennung des Platzes am reformierten Gemeindehaus. Das Gedenken an die geflüchteten, deportierten und ermordeten jüdischen Mitbürger musste warten. 2008 wurde dann ein zentrales Denkmal für die Schüttorfer Juden am Rathaus eingeweiht. Wiederum später setze jeweils am 9. November das Gedenken an die Pogromnacht von 1938 ein. Und nun wurden auf Initiative des Ökumeneausschusses der katholischen, reformierten und lutherischen Kirchengemeinde auch vor den ersten ehemaligen Wohnhäusern der Schüttorfer Juden mit Messingplatten versehene kleine Betonkötze als “Stolpersteine” vom Künstler Gunter Demnig in das Gehwegpflaster eingelassen. Unterstützt wurde Demnig dabei von Janus Hanak und Thomas Ottink vom städtischen Bauhof.

Solpersteine in Schüttorf Foto: © Albrecht Dennemann

Nicht mehr allgemein wie durch das Denkmal am Rathaus, sondern konkret benannt sind damit die Stätten jüdischen Lebens in Schüttorf. Zunächst vor dem ehemaligen Kaufhaus Wertheim, dem heutigen “Firlefanz” am Markt, vor der dem ehemaligen Geschäftshaus des Fotografen Löhnberg, der heutigen Buchhandlung Moldwurf in der Föhnstraße und vor einem leeren Grundstück in der Jürgenstraße, dort wo einst das Haus der Familie Süskind stand. Die Jürgenstraße hat dabei eine besondere Bedeutung, wird gemeinhin doch angenommen, dass der Name von “Judenstraße” abgeleitet sei. Quellen seien dort von jüdischen Schüttorfern für rituelle Waschungen genutzt worden heißt es. Zwischen zwei recht kleinen Häusern – kaum vorstellbar, das dort mal ein Gebäude gestanden hat – befand sich das Haus der Familie Süskind. “Die waren dann irgendwann weg”, erinnerte sich später ein Schüttorfer. Das Haus wurde abgerissen und die beiden Nachbarn teilten sich fortan das Grundstück. Das heutige “Firlefanz” beherbergte das Kaufhaus Wertheim, später Löwenstein. Sonntags vor dem Kirchgang holten sich dort reformierte Gemeindemitglieder die dort deponierten Gesangbücher und die vorbereiteten Stövchen zum wärmen der Füße in der kalten Kirche ab.   In der Föhnstraße hatte der Fotograf Löhnberg sein Geschäft. Denken Schüttorfer an Juden in ihrer Stadt, fällt als erstes der Name Löhnberg. Der Fotograf hat mit seinen Bildern in fast jeder alten Schüttorfer Familie seine Spuren hinterlassen. Die Bilder zeichnen sich durch eine exzellente Qualität und Schärfe aus, an der sich auch heutige Fotografen messen lassen können. Mittlerweile leben kaum noch Menschen die Löhnberg seinerzeit ablichtete, aber die Bilder überdauern in den Familienchroniken die Zeit. Löhnberg hat damit zudem Zeitdokumente von bleibendem Wert geschaffen.

Solpersteine in Schüttorf Foto: © Albrecht Dennemann

Nicht alle Schüttorfer Juden kamen während der NS-Schrenkensherrschaft ums Leben – zurück kamen sie aber auch nicht. Schüler der Oberschule erinnerten in Beiträgen jeweils an die Bewohner der Häuser. Einige konnten fliehen, wie die Familie Löhnberg, sodass Peter Löhnberg aus Amersfoort  mit seiner Frau Karolien Magnus zur Verlegung der Stolpersteine angereist war. “Einfach großartig – besser spät als nie”, freute sich der Enkel des Fotografen Löhnberg über die Aktion im Gespräch mit Blixxm. Gerd-Ludwig Hienz, der Vorsitzende des Schüttorfer Heimatvereins überreichte ihm das kürzlich erschienene Buch mit Schüttorfer Augenzeugenberichten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, in dem auch ein Kapitel der Familie Löhnberg gewidmet ist. Löhnberg selbst bezeichnet sich als Atheist. Auch während der NS-Zeit waren einige Deutsche verwundert, dass sie nach Lesart der abstrusen NS-Rassenideologie Juden sein sollten, hatten sich doch viele von dem Glauben der Vorfahren längst gelöst, waren Christen geworden oder auch Atheisten wie Peter Löhnberg.
Die Verlegung der Stolpersteine wurde durch Beiträge von Schülern der Oberschule begleitet. Im Anschluss wurde vom Oekumeneausschuss und der Oberschule ein Patenschaftsvertrag unterzeichnet. Fortan werden ein Mal pro Jahr Schüler der Schule die Stolpersteine abgehen und damit vor Ort deutsche und damit auch Schüttorfer Geschichte lokal verorten und anhand der Stolpersteine auch personalisieren können. Im Zuge dieses dann sehr praktischen Geschichtsunterrichtes, ist beabsichtigt die Messingoberflächen zu putzen, damit die “Steine” nicht im “Grau” des Gehwegpflasters untergehen.

Godehard Otterbeck (Oberschule) und Pastor Konrad Pfannkuche unterzeichnen Patenschaftsvertrag Foto: Dennemann

Die Beteiligung an der Verlegung war groß und damit auch ein Zeichen für die Bedeutung die dieser Erinnerungskultur beigemessen wird. Gesine Groothues, Carl-Joseph Jesse und Helga Rahm vom Ökumeneausschuss, die Pastoren der Kirchengemeinden, Vertreter der Stadtverwaltung, des Kreisarchives, des Heimatvereins, Gerd Naber vom Forum Juden/Christen, aber auch ganz normale Bürgerinnen und Bürgern aus Schüttorf, Bad Bentheim und Neuenhaus, belegten damit deutlich, dass diese Stolpersteine kein “Denkmal der Schande” sind, sondern ein Beitrag zu einer in die Zukunft gerichteten Erinnerungskultur.

Ist es ein Trauma?

Gunter Demnig, Karolien Magnus und Peter Löhnberg Foto: © Albrecht Dennemann

Nicht nur allein als Schüttorfer Trauma könnte man die NS-Zeit durchaus bezeichnen und es wird durch die Stolpersteine etwas abgebaut. Ein Trauma, das jahrzehntelang die aktive Erinnerung und Bewältigung der dunkelsten Zeit in der deutschen, aber auch ganz konkret vor Ort der schüttorfer Geschichte verhinderte. Schon vor dem Nationalsozialismus zeichnete sich die alte Handwerker- und Handelsstadt Schüttorf durch eine gelebte Toleranz aus. Möglicherweise auch bedingt dadurch, dass im Laufe der Industrialisierung viele Neubürger in die Stadt zogen, unterschiedliche Religionen und Nationalitäten sich ansiedelten, aber nicht zuletzt auch dadurch, dass viele Menschen durch die gemeinsame Arbeit in den Fabriken  ein intensiveres Gefühl der Zusammengehörigkeit und Solidarität empfanden. Antisemitismus wird es dennoch auch gegeben haben. Jeder wusste dass es nicht immer “rund läuft” in den Familien. Man sprach über Vorfälle aber es wurde nicht an die große Glocke gehängt – denn alsbald hätte man selbst in den Fokus der Damen der “Gläsernen Kutsche” geraten können. In dieses Klima der Toleranz und gegenseitiger Achtung brach der Nationalsozialismus ein. Nach dem Krieg blieb möglicherweise ein Trauma, aber auch die alten Mechanismen griffen wieder. Es waren “Unschöne” Dinge passiert und der eine oder andere Eigentumsübergang von jüdischen in “arische” Hände hätte Fragen aufwerfen können. Man sprach unter der Hand darüber, aber es wurde nicht an die große Glocke gehängt. Sicherlich wurde verdrängt aber auch die Toleranz breitete sich wieder aus, Flüchtlinge, Heimatvertriebene, weitere Nationalitäten und mit den Türken zogen auch Muslime in die älteste Stadt der Grafschaft. Endgültig überwunden ist dieses Trauma des gesellschaftlichen Versagens sicherlich nicht. Wann es Schüttorf nun weiter hinter sich lassen wird, ist nicht zu sagen, aber die Stolpersteine leisten einen Beitrag dazu. Und sicherlich auch die nun begonnene Aufarbeitung durch den Heimatverein. Denn der NS-Terror fand nicht allein in KZs, an der Front, in Lagern und Verhörräumen statt, sondern auch in Schüttorf. Wie sehr, daran erinnerte im September der Antikriegstag auch mit den Berichten über die Zwangsarbeit in Schüttorfer Unternehmen und auf Bauernhöfen der Region. Wie wichtig dieses Erinnern ist, zeigen die aktuellen Belege für einen nach wie vor vorhandenen und erneut aufkeimenden Antisemitismus. Man würde es sich allzu einfach machen, den Antisemitismus allein den zugezogenen Muslimen anzulasten. Antisemitismus hat keine Nationalität und auch keine Religion. Für eine auch zukünftig tolerante und offene Gesellschaft ist es wichtig, sich der Geschehnisse der Vergangenheit zu erinnern. Und auch dazu leisten die Stolpersteine einen Beitrag.  Das ist wichtig und nicht nur für alle Björn “Bernd” Höckes dieser Welt, sondern für uns alle.

[GALERIE] 

1 Comment

  • Lieber Albrecht,
    Danke für Deinen so fundierten Bericht. Nun geht es weiter. Wir tauchen wieder ein in die Suche, um bald vielleicht die Broschüre fertig zu bekommen. Mehr 2018.
    Frohe Weihnachten
    Gesinde Groothues

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.