Nazi-Unwesen in Lingen

Am Samstag ist es in Lingen zu einem größeren Polizeieinsatz in Verbindung mit einer Musikveranstaltung der rechten Szene gekommen. Unter einem Vorwand hat der Veranstalter einen Fetenraum in einer ehemaligen Gaststätte Brögber an der Haselünner Straße angemietet.

Lingen. Unter dem Motto eines “Lieder- und Vortragsabends” wurden dort etwa 200 Teilnehmer und zwei in der Szene bekannte Rechtsrockbands erwartet. Die Polizei wurde am Samstagmittag bereits frühzeitig auf die Vorbereitungen für die Veranstaltung aufmerksam. Mit zahlreichen Einsatzkräften kontrollierte sie die An- und Abfahrtswege und sorgte, so die Pressestelle der Polizei, durch die starke Präsenz für einen deutlich spürbaren Abschreckungseffekt. Letztendlich seien laut Polizeiangaben lediglich etwa die Hälfte der 200 erwarteten Gäste angereist. Nach Personalienfeststellung sämtlicher Teilnehmer, konnte die Veranstaltung gegen 16 Uhr ohne Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit stattfinden. Störungen wurden nicht verzeichnet.
So knapp die Meldung der Polizei. Es ist immer eine Gratwanderung, zwischen Informationspflicht und einer allzu großen Aufmerksamkeit, die damit auch auf diese Rechtsausleger gelenkt wird. Andere Quellen wie Recherche-Nord, beleuchten dennoch diese Veranstaltung etwas intensiver und geben ein leicht abweichendes Bild von der Veranstaltung und den Maßnahmen der Polizei wider. Die Recherche-Nord ist ein unabhängiges Recherche- und Medienprojekt zum Themenfeld des militanten und organisierten Neonazismus. Sie setzen sich aus freien AutorInnen, FotographInnen, JournalistInnen sowie Einzelpersonen zusammen, die sich auf die investigative Recherche, innerhalb wie außerhalb neonazistischer Netzwerke spezialisiert haben. Sie sind dabei in ihrem Schaffen keine Zweigstelle von Medienkonzernen oder Sprachrohr von Parteien oder Organisationen. Vielmehr agieren und handeln sie unabhängig und selbstbestimmt, richten ihre Recherchearbeit nach eigenen Kriterien aus. Seit der Gründung im Jahr 2004 arbeiten sie gemeinsam, mitunter auch einsam, als Ergänzung zu bereits bestehenden Projekten, welche sich ebenfalls diesem Themenkomplex widmen.
Laut Recherche-Nord wurden anreisende Teilnehmer*innen ab 14Uhr über ein Industriegebiet in Meppen zum späteren Veranstaltungsort in Lingen geschleust. Ursprünglich sollte das konspirativ durchgeplante Neonazitreffen im niedersächsischen Fürstenau (Landkreis Osnabrück) stattfinden. Doch anders als im Landkreis Emsland sollen die Behörden im Landkreis Osnabrück erfolgreich interveniert haben. Woraufhin die Neonazis nach Lingen ausgewichen seien. Da eine private Veranstaltung in privaten Räumen, hatte das Lingener Ordnungsamt allerdings auch keine Handhabe. Der Gasthof Brögber ist seit Jahren ungenutzt und ziemlich runtergekommen. Hin und wieder wird er jedoch für Party zur Verfügung gestellt.
Neben dem Auftritt mehrerer Liedermacher der Neonaziszene wurde die Veranstaltung im Vorfeld mit einem Auftritt der verurteilten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck beworben. Die notorische Holocaustleugnerin war erst vor einigen Tagen mit einem Berufungsantrag vor Gericht gescheitert. Das Oberlandesgericht Celle in Niedersachsen entschied, Haverbecks Haftstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung nicht aufzuheben. Die 89-Jährige war dazu Ende August 2017 wegen Volksverhetzung in acht Fällen verurteilt worden. Auf den Auftritt Ursula Haverbecks mussten die angereisten Neonazis laut Recherche-Nord jedoch verzichten. Aufgrund ihres anstehenden Haftantritts erhielt Frau Haverbeck eine Meldeauflage der Kreispolizeibehöhrde Herford bezüglich “Maßnahmen zur Verhütung von Straftaten im Zusammenhang mit einem Vortrags- und Balladenabend der rechtsextremistischen Szene im Bereich West-Niedersachsen am 24.02.2018”. Aus diesem Grund wurde Frau Haverbeck, unter Androhung eines Zwangsgeldes angehalten, sich am Samstag um 18 Uhr und auch um 21 Uhr persönlich auf der Polizeiwache Herford einzufinden. Somit musste Ursula Haverbeck den Ort des Geschehens im Gasthof Brögber wieder verlassen. Neben dem Auftritt von Ursula Haverbeck war der Auftritt der Liedermacher “F.i.e.L” (Mecklenburg-Vorpommern), “Zeitnah” (Thüringen) und der Sänger der Nazirockgruppe “Nahkampf” (Bremen) angekündigt. “Nahkampf” sind eine Rechtsrock-Band aus Bremen, die eng mit dem in Deutschland seit dem Jahr 2000 verbotenen Neonazi-Netzwerk “Blood & Honour” verknüpft ist. Insgesamt fünf Alben hat die Band veröffentlicht – darunter eine Splitscheibe mit der russischen Band “Kolovrat” (auf deutsch: Hakenkreuz). Seit 2002 gab es keine neuen Veröffentlichungen. Allerdings sind “Nahkampf” mit einem Lied auf einer Version der NPD-Schulhof-CD vertreten. Sänger Hannes Ostendorf ist Frontmann der rechten Hooligan-Band “Kategorie C”.
Auf der Homepage von Recherche-Nord ist eine große Galerie mit Bildern und weiteren Informationen zu der Veranstaltung eingestellt. So soll ein Teil der Teilnehmer erst nach Beendigung der Polizeikontrollen angereist und somit nicht erfasst worden sein sollen.

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