Storno – Ein kabarettistischer Jahresrückblick der mehr als nur begeistert

Foto: ©Albrecht Dennemann

Das münsteraner Kabarett-Trio “Storno” lud am Sonnabend zum kabarettistischen Rückblick auf das vergangene Jahr ins Forum am Burg-Gymnasium. Zum wiederholten Male sorgten die Kabarettisten für ein komplett ausverkauftes Haus und die Besucher kamen sicherlich mehr als nur auf ihre Kosten.

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Bad Bentheim. Freitagabend im Forum – volles Haus. Nichts geht mehr. Jedenfalls im Zuschauerraum. Auf der großen Bühne sieht’s anders aus: Nur wenige Requisiten und Instrumente lassen viel Platz für ein kleines Ensemble mit allerdings riesengroßer Reputation: Harald Funke, Thomas Philipzen und Jochen Rüther – “Storno” ist da. Aus Münster. Die Lichter gehen aus und beinahe andächtig verstummt das Publikum. Und die Erwartungshaltung ist hoch, verdammt hoch nach den umwerfenden vorausgegangenen Veranstaltungen der letzten Jahre. Doch wir werden zunächst begrüßt in der gewohnt charmanten und humorvollen Art vom Conférencier Dr. Thomas Füser. Schönes Opening, aber nun geht’s los.
Von Anfang an wird wortgewaltig “ver-merkelt und zer-trumpelt” was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Politische Anlässe gab es ja im Jahr 2016 zuhauf, die gut recherchierte kabarettistische Klatsche folgt hier auf dem Fuße. Intelligente Monologe, Dialoge und Trialoge wechseln sich, eingebettet in zum Schief-Lachen anregende Mimik und Gestik, einander ab. Das ist wirklich köstlich anzusehen wie anzuhören. Viel Text wird nun professionell abgespult. Und auch gesungen: Ein Song des jüngst verstorbenen Rockstars Prince – Kiss – dient als parodistische Vorlage ebenso wie “Space Oddity” von dem ebenfalls verstorbenen David Bowie. Plötzlich spielen sie auch noch Klavier, Gitarre und Bass-Ukulele. So ganz nebenbei erklingt auch der Anfang des ersten Satzes der Pathétique von Beethoven – um dann allerdings beinahe übergangslos in Stimmimitationen von Udo Lindenberg und Helge Schneider herüber zu schlindern. Die spitzfindig beiläufig “diplomatisch anmutende Betrachtung” zur AfD: “Höcke will Petry rauswerfen und andererseits Petry den Höcke – ich finde sie haben beide recht.” findet ebenso ihre Lacher wie “Erinnert sich etwa noch jemand an die “Islandisierung” des Abendlandes bei der Fußball-EM? – Huh- Hah” – Nein? Dann vielleicht eher an die Zinspolitik, an die Vermögenssteuer, an den sozialen Wohnungsbau und an den Klimawandel. Alles wird neu von unten aufgerollt und gekonnt dem kabarettistischen Paradigmenwechsel unterzogen. Und das in einem rasant hohen Tempo, das muss diesen Jungs erst einmal jemand nachmachen. Atemraubend. Verdiente Pause für alle, Publikum wie Akteure.

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Weiter dann nach der Pause. Slow-Motion – Einlagen und brasilianische Samba-Percussion, verbale Kanonaden und akrobatische Tanzdarbietungen. Alles wirklich grandios. Aber dann plötzlich ein Bruch : Der Terror, ein “Import-Export – Geschäft für Deutschland”? Sehr schwer, diese Thematik humorvoll umzusetzen. Sarkasmus schimmert durch, er wird aber vom Ensemble sofort wieder behutsam abgefedert. Und schließlich VW: “Der arme Winterkorn, der hat doch einfach nur P(i)ech gehabt…” Oder: “Rez(c)ept Erdogan, der will doch nur dass wir die Gülleanhänger ausliefern. Kann er doch haben, die stehen hier bei uns doch sowieso nur rum…” Oder auch: “Burka? – Ist mir schleierhaft, man weiß ja nie was drin ist”. Und auch die “Digitalisierung” bekommt ihr Fett weg. Erhitzte Handys als “Grillanzünder” und “Smartföhner” auf der Suche nach geisterhaften Pokemons, spionierende Puppen… Ein Sommer des digitalen Irrsinns! Eine postmenschliche Gesellschaft. “Das ist der Algorhythmus, wo jeder mit muss” – wie wahr. Und Storno wird hier zur richtigen Band mit Groove und mehrstimmigen Gesang. Klasse. Beinahe zweieinhalb Stunden sind nun vorbei und Storno befeuert noch immer unverhohlen und pointiert die Lachmuskeln des Publikums. “Paar-Chippen” ist jetzt das Thema, Männer und Frauen lachen hier im Publikum wohl eher abwechselnd… Dann doch lieber Jugenderinnerungen: Z.B. an den “Scheibbbletten-Käse” aus der Jugendherberge, der allerdings “immer so am Gaumen klebte”. Man hätte jedoch vielleicht besser vorher die “Folie abziehen sollen”… Wer das wusste, war klar im Vorteil. Oder bedeutende literarische Erinnerungen an den Schulunterricht: Wie z.B. Don Qouichotte… “Kommt ‘n Pferd in’n Blumenladen und fragt: Haben sie ma’geritten?”
Die Zugabe – das Lied “Halleluja” – war ein eher weniger durchkonstruierter Freiflug, aber auch gerade dadurch abschließend wohltuend sympathisch. So offenbarte sich der dreistündige Abend als eine äußerst gelungene Kooperation des stets engagierten Jugendhauses, des professionell arbeitenden Alternation-Teams mit dem wirklich bewundernswerten Storno-Ensemble! Der vehement artikulierte begeisterte Zuspruch des Publikums kannte kaum Grenzen. So soll es sein. Mehr geht nicht. Und doch: Mehr davon!

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Fotos und Collage: ©Hartmut Meyer
Verfasst von

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